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VORWORT
Angelika Binder verfasste ihre Erzählung Jones 1969 auf der Insel Pag (im damaligen Jugoslawien) als Rahmenhandlung zu DIE KRYPTISCHEN TEXTE ihres Bruders Zero Zoxx. DIE KRYPTISCHEN TEXTE selbst erlebten im Lauf der Jahrzehnte einige schicksalhafte Metamorphosen: Das nie vom Autor als vollendet erklärte (teils handschriftliche) Manuskript wurde von ihm selbst zu drei verschiedenen Versionen umgearbeitet, mit dem Auftrag, dass andere Autoren endlos an ihnen in seinem Geiste weiter schreiben und den Textkörper - wenn notwendig - sogar grundlegend ändern sollten, - dies gehöre zur Konzeption der Texte; indessen ging das Originalmanuskript verloren, als THE KATJA EBSTEIN REVIVAL BAND, der das Manuskript anvertraut war, 1987 plötzlich mit allem Hab und Gut auf der Straße landete. Dieses Manuskript wurde von den Verantwortlichen möglichst dem Original getreu wieder rekonstruiert, bevor auf dem Dachboden des Hauses, in dem die Band bis zu dem Rauswurf gewohnt hatte, plötzlich (von Zero Zoxx teils verworfene) Blätter aus dem Originalmanuskript sowie einige Fotokopien der Original-Handschrift wieder auftauchten, was eine weitere Version ergab. Dieser Version wurde, in Anlehnung an das Ur-Manuskript aus Pag, die Rahmenhandlung von Angelika Binder wieder angegliedert. Der Babel Verlag, Geisterstadt, hat nun die Autorin gebeten, die in zwei Teile gespaltene Rahmenhandlung formal zu verbinden und den Text im Sinne der neuen Rechtschreibung etwas umzugestalten. Letzterem kam Angelika Binder nur in einigen Fällen (z.B. ss oder ß usw.) nach, die eigentliche Textgestalt wollte sie unangetastet wissen "um den psychedelischen Touch der Story nicht zu zerstören".

ZERO ZOXX INTERNATIONAL und der Babel Verlag, Geisterstadt, jedenfalls sind hoch erfreut, einem interessierten Publikum diesen kleinen literarischen Leckerbissen aus dem Jahre 1969 via Internet zugänglich machen zu können. Beinahe überflüssig scheint es uns darauf hinzuweisen (wir wollen es dennoch tun), dass im Original an der Stelle von "La. La. La..." die eigentlichen KRYPTISCHEN TEXTE standen.

JONES
(von Angelika Binder)
Am Ufer des ewig davonschmelzenden Sonnensees schlenderte Jones selig dahin. Signale aus Raum und Zeit prasselten in ununterbrochener Folge auf die gleißend gelb spiegelnde Scheibe des am Rande der großen Stadt liegenden Gewässers hernieder.
Die Spantenrippen des vor ewiger Zeit schon auf das Dimensionsriff aufgelaufenen Holzschiffes ragten sanguinisch und öd hoch aus den um sie gischtenden Wogen.
Dieses Licht war heute morgen wie eine muntere Flut aus weißen Wasserfunken über den westlichen Stadtrand hereingebrochen und der wellige, rotglühende Karst des fernen, goldenen Horizontes dräute Schwalben wehend mit dunklem Gewinke herauf.
Nahe des südwestlichen Uferwinkels des Sonnensees ragten die schlichten, hochhausartigen Tritonium-Bauwerke der jahrtausendealten demokratischen Siedlung gen Himmel, herrlich leuchteten sie in der sonnigen Glut.
Während Jones an den Bauten entlangspazierte, glitzerten und funkelten droben auf den Dächern die ineinander verschlungenen und mit Glasstaub versiegelten Antennen anmutig wie wirres Leuchtgestrüpp. Deutlich sichtbar schwitzte und dampfte die uralte Zeit in Wellen aus der Luft über dem flimmernden Gelände. In schönem Kontrast dazu wallten die prachtvollen Laubbäume der nördlichen Uferregion sattgrünen Flammen gleich mächtig und heiß unter den sanften, ionisierten Böen auf.
Angesichts all dieser Schönheiten war Jones voll der tief innerlich gefühlten, ehrfürchtigen Bewunderung für die zehntausend Jahre alte Demokratie dieses erbaulichen, erquickenden Landes. Der Segensfluss, der über diese edle Regierungsform hinweggegangenen Zeiten hatte aus der ganzen Welt die Gedanken aller Menschen, die je in dieser Demokratie gewirkt hatten, glasklar und rein herausgebacken. Die Landschaft, die Bauten, der Staub und die Hitze, ja selbst die Stadt: All dies war von keiner Natur mehr, es war unbewusst kollektiv gezeugtes Menschenwerk! Jedes noch so natürlich gewachsene Grashälmchen, wie dieses auf der Wiese hier, - es war Menschenwerk - und dabei so gar nicht Tand!
Im Lauf der langen Zeitenströme hatte die Demokratie eine Art hochlebenswertes, höllenhaftes Paradies (im danteeskesten Sinne des Wortes) hervorgebracht, welches ehern und ewig dahinwirklichkeitete. Wahrhaft unvorstellbar war für Jones der Gedanke, diese Welt könne jemals enden - eher noch und zuerst versänke das Weltall selbst!
Er erklomm eine niedrige halbverwitterte Mauer, aus der wilder Ginster da und dort hervorgewachsen war. Stolz stellte er sich breitbeinig auf sie drauf und überschaute das weite, unsagbar herrliche Land. Die prachtvoll die langgezogene Westbucht des Sonnensees überspannende, kühn konstruierte, vielspurige Mobilbahn-Brücke! Die ließ ihn die ganze liebe Welt umspannende altgermanische Midgardschlange visionieren.
Fern krachte Donner bleiern. Hoch über dem saurierrückenartig geschwungenen Dach des schwitzenden Schwimmbads rollte der Himmelsgroll polternd dahin. Jones gedachte dabei der hellen, heiteren Tage seiner Kindheit, die er noch nicht allzu fern zurück oft dort drüben im Bade voller Vergnügtheit zugebracht hatte.
Entzücken im Herzen hüpfte er von der Mauer. Und er rannte unbeschwert wie jenes Kind den beinahe brennenden Bürgersteig entlang. Er summte dabei übermütig die Melodie des Schlusschors aus den Meistersingern, jener zehntausend Jahre alten Wagner-Oper. Mittendrin blieb er aber plötzlich stehen und hielt auch inne mit der Musik, als er des gewaltigen Schauspiels gewärtig wurde, das sich machtvoll in der Ferne vor ihm entrollte. Dort am Horizont, zwischen dem Anhub der bebauten Hügel und den diesseitigen fernen Reihen der Wohnblocks am Rande des Sternparks, dort brach mit einem ein regelrechter Niagarafall aus unendlich klarem, weißem Licht vom klaren Himmel herab. Erschüttert von der Pracht und der Macht dieses natürlichen, von Menschen gemachten Ereignisses, überwältigt von seiner Schönheit, breitete er opernhaft langsam die Arme aus und wollte anheben mit tiefer Stimmer zu singen: "Verachtet mir die Meister nicht!" - allein, dazu kam er nicht, denn in diesem Momente flog ihm ganz genau wie ein weißer Vogel flügelschlagend ein Manuskript zu, das er gekonnt auffing und das er sofort begierig hier an Ort und Stelle zu lesen begann:

(Der Titel der in Major Kotzbrocks prallsauberen Handschrift dargebrachten Aufzeichnungen über die Wirrungen jenes Freundeskreises lautete schlicht:)

DIE KRYPTISCHEN TEXTE

La.
La.
La La.
La La La.
La La La.
La La.
La.
La.

Begierig hatte er es im Nu an Ort und Stelle ganz durch und durch gelesen. Dann:

...jauchzend schleuderte Jones das Manuskript in den goldblau gleißenden Himmel. Vogelgleich flog es davon, blitzartig floh sein Schatten sehnsüchtig mit ihm schräg über den flammend-sauberen Bürgersteig hinweg.
Der Nachmittag indes brütete immer tiefer und immer schwitzender über der Demokratie. In subsumierter Form waren Jones deren tiefsten Geheimnisse in jenen Kryptischen Texten enthüllet worden. Staunend hatte er vom Wesen des Staates vernommen, in welchem er lebte. Aber nicht nur dies! Das Sein und Werden aller Existenz waren ihm aufgegangen. Und jeder würde dereinst diese Texte empfangen! Jeder!
Er...
Unter dem heiligen trockenen Himmel schritt er hin, erfüllt von wunschlosem Glück.
Die fernen Bäume bei der achtundzwanzigspurigen Autobahnbrücke, die über den großen Fluss führte, bauschten sich plötzlich erfreulich unter einem soeben frisch aufgekommen, zugleich kühlenden und hitzigen Wind.
Das hellblaue Hemd und die weiße Anzughose klebten ihm schwül am Leib. Jones streckte vor plötzlich in ihm aufwallender überschwänglicher Sehnsucht und Liebe die Hände nach dem Zentrum der Stadt hin aus, die traut unter dem nun schon sehr späten, aber hellen Nachmittage am Rande des gefrorenen Sonnenlichtes schlief. Schließlich rief er sich zur Ordnung und rückte an seiner schicken, blau verspiegelten big Sonnenbrille und am schwarzen Schlips.
Mit einem weiteren frohlockenden Jauchzen, das ihm seit Lesen des Manuskriptes wie ein stets sich emporschwingender Vogel in der Brust sang, wandte Jones sich der Richtung zu, in der weit vor ihm das mehrere Kilometer hohe, futuristisch verzierte aber grundgotische Gebäude der Kirche des Reduzierten Gottes in die nicht mehr vorhandenen Wolken ragte. Auf den Lippen das zwei-Sekunden-Lied Gard, Sommerhit des vergangenen Jahres, so schwang er munter mit einem Furz hinüber, dem Gotteshause zu. Jones winkte dem Kirchengebäude und lachte. Und die Musik erfüllte einfach alles. Unten hoppelte ein Häschen müd und munter über jenes gelbe Stoppelfeld.
Der Anblick des durch sein Nahen immer höher vor ihm aufwachsenden, prachtvoll überladenen Kirchengebäudes, und besonders dessen schmal und spitz zulaufender, blitzender Gipfel, dem er von unten her zügig nahte, erweckte in Jones unwillkürlich in geradezu übereuphorischer Heiterkeit die fröhlich sich nun in ihm immer mächtiger sich aufschwingende Frage, wie viele Engel wohl auf diese Kirchturmspitze passen würden.
ENDE

(Pag, 1969)

JONES
(1969) von Angelika Binder © 1969/2004 by Angelika Binder.
Vorwort von Adelheid Fröhler
© 2004 by Adelheid Fröhler
Herausgegeben von ZERO ZOXX INTERNATIONAL
und Babel Verlag, Geisterstadt.

Die Seite wurde eingerichtet 2004.
Erste Aktualisierung am 20. November 2006.
Zweite Aktualisierung am 23.März 2008.

E-Mail: zzi@zerozoxxinternational.com